Oxford Interview Erfahrungsbericht

Fast jedem ist sicherlich der Name „Oxford“ geläufig –  entweder als diese „Eliteuniversität“ in Großbritannien oder als der Ort, aus dem die Wörterbücher kommen. Offensichtlich geht es hier um Ersteres – Oxford, „the city of the dreaming spires“ (die Stadt der träumenden Türme), besitzt eine exzellente Universität, an der nur sehr wenige der Bewerber angenommen werden können.

Dafür ist Oxford weltweit bekannt, stets ganz oben dabei bei allen Ranglisten, und bietet fantastische Möglichkeiten für Studierende. PPE (Philosophy, Politics and Economics) ist wahrscheinlich einer der prestigeträchtigsten Studiengänge in Oxford – beinahe alle Premierminister Großbritanniens und viele der führenden Personen in Politik, Medien und Wirtschaft haben PPE in Oxford studiert.

Ich, eine zum Bewerbungszeitpunkt 16 Jahre alte, deutsche Schülerin auf einem ganz normalen, wenig elitärem, staatlichem Gymnasium auf dem Land, kam im Sommer 2015 auf die wahnwitzige Idee, mich auch dort zu bewerben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

Nach einem hektisch verfassten Personal Statement, einer academic reference, um die ich meinen Tutor bitten musste, und einem ziemlich schwierigem Test namens „Thinking Skills Assessment“ (richtig, sie wollen sehen, ob man „denken kann“) kamen Ende November die Einladungen für Bewerbungsgespräche (interviews) in Oxford. Meine Hoffnungen für eine solche Einladung waren nicht sonderlich groß, da ich befürchtete, im Test versagt zu haben und in PPE nur 44% zu Interviews eingeladen werden.

Die letzte Novemberwoche war der Horror, da mein ausgewähltes Oxford College das letzte war, welches Einladungen verschickt hat und ich somit von Montag bis Freitag komplett unter Strom stand und obsessiv alle fünf Minuten meine E-Mails aktualisiert habe. Zusätzlich hatte ich noch die Freude, an besagtem Freitag eine Geschichtsklausur schreiben zu dürfen, für die ich dann kaum gelernt hatte (da ich die Zeit lieber auf meinem E-Mail-Konto verbracht habe). Am Freitagnachmittag kam dann endlich eine E-Mail.

Der Betreff begann mit „Invitation…“. Ungläubig starrte ich den Betreff an und die verloren gegangene Hoffnung keimte wieder auf. Hieß das etwa, dass…?

Zitternd klickte ich auf die E-Mail und überflog sie hastig. Dann las ich sie. Einmal, zweimal, dreimal. OH. MEIN. GOTT. Ich glaube, ich war noch nie zuvor so glücklich. Nach dieser phänomenalen Nachricht rannte ich hysterisch durch das Haus, um allen von dieser E-Mail zu erzählen und sendete meinen Freunden kreischende Sprachnachrichten (ihre Ohren haben das glücklicherweise überstanden).

Danach musste schnell ein Flug gebucht werden und eine Befreiung für die Schule beantragt werden. Ich musste deshalb drei Klausuren nachschreiben und ich war froh, dass meine Schule mir deshalb trotzdem keine Steine in den Weg gelegt hat, da ja für Klausuren eigentlich Attestpflicht herrscht.

Am 6. Dezember, dem Nikolaustag, war es dann soweit –nach einem turbulenten Flug, Schwierigkeiten, den Busbahnhof in London Heathrow zu finden, dem Versäumnis, an der richtigen Haltestelle auszusteigen und einem Laufweg durch fast ganz Oxford, kam ich gegen 15 Uhr Ortszeit an.

Ich musste mich an der Rezeption des Colleges melden, damit sie überprüfen konnten, ob ich auch wirklich eingeladen war. Ich war kurz panisch, da sie meinen Namen nicht finden konnten – allerdings lag das daran, dass mein Nachname für englischsprechende Menschen extrem schwer auszusprechen und zu verstehen ist. Nachdem ich meinen Namen buchstabiert hatte, konnte ich dann endlich auf der Liste abgehakt werden.

Dann hat mich ein Student mitgenommen und mir mein Zimmer gezeigt. Mein Zimmer war eines mit der besten Lage von denen, die ich bei den anderen dort gesehen habe (ich wohnte direkt gegenüber der „Hall“, in der das Essen serviert wurde, am „front squad“ des Colleges). Außerdem hatte ich ein eigenes Bad, was eher selten vorkommt. Nachdem ich meine Sachen dort abgelegt hatte, zeigte man mir den JCR (Junior Common Room) des Colleges. Viele von euch kennen vielleicht diese Gemeinschaftsräume aus Harry Potter (Hogwarts) und so ähnlich kann man sich das auch vorstellen.

Dort lernte ich schnell andere Bewerber kennen, von denen sehr viele auch nicht aus Großbritannien kamen. Eigentlich alle, die ich dort getroffen habe, waren extrem freundlich und nett. Zu einigen derer, mit denen ich dort etwas unternommen habe, habe ich auch heute noch Kontakt. Das Abendessen im College, in der „Hall“, die der großen Halle in Hogwarts sehr stark ähnelt, war überraschend gut, sehr viel besser als das Essen, welches ich aus der Schule gewohnt war. Sonst war die Atmosphäre beim Essen aber auch teilweise seltsam, da wir von den Angestellten dort bedient wurden und sich das irgendwie falsch angefühlt hat.

Das Collegegelände insgesamt fühlte sich ziemlich magisch an, wie in der Welt von Harry Potter. Man hatte ständig das Gefühl, man würde dort essen und arbeiten, wo eigentlich eher Filme gedreht werden sollten oder ein Museum sein sollte.

Am nächsten Tag waren dann die ersten Interviews. Am Morgen hatten wir ein Meeting mit den Tutoren, die uns später interviewen sollten. Die ersten Worte dort waren direkt „Herzlichen Glückwunsch, ihr habt alle einen Platz verdient. Aber da wir euch nicht alle nehmen können, wird ein Großteil von euch abgelehnt werden.“ Diese Erinnerung hätte ich nicht noch einmal gebraucht, nachdem ich mich vollends in die Gebäude und die Atmosphäre des Lebens im College verliebt hatte.

An meinem College hatten wir PPE-Bewerber drei Interviews, pro Fach eins, ich habe aber aus anderen Colleges gehört, dass das teilweise auch anders geregelt wurde. Mein erstes Interview war Economics (Wirtschaft) und vor diesem hatte ich die meiste Angst. Absolut unberechtigt, denn es war viel besser als erwartet. Die Hälfte war einfache Mathematik aus der Einführungsphase (trotzdem habe ich mich einmal unglaublich blöd angestellt, mein Mathelehrer aus der E-Phase wäre entsetzt gewesen), die mir insgesamt leicht fiel. Die zweite Hälfte bezog sich auf einen Text, den ich vorher lesen musste, der von einem stark vereinfachten wirtschaftlichen Beispiel handelte. Das ging auch sehr gut. Insgesamt hat mir dieses Interview sogar Spaß gemacht und ich hatte ein extrem gutes Gefühl. Später im Feedback wurde auch deutlich, dass die Interviewer das genauso sahen. Mir wurde gesagt, es klinge so, als sei ich in Wirtschaft eine der Besten gewesen.

Später an diesem Tag hatte ich das Philosophieinterview, über das ich von meinen Mitbewerbern einige Horrorgeschichten gehört hatte. Rückblickend hätte ich mich davon wohl nicht verunsichern lassen sollen – man darf nicht vergessen, dass Mitbewerber durchaus ein Interesse daran haben, euch mit mulmigem Gefühl ins Interview gehen zu lassen. Schließlich ist jeder, der in einem Interview versagt, ein Konkurrent weniger. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, aber passt da auf. Ich hätte nicht so sehr darauf hören sollen, insgesamt war ich aber wohl sehr leicht zu verunsichern und aus dem Konzept zu bringen, was sich auch im Interview gezeigt hat.

Der zuvor zu lesende Text war eigentlich relativ schlüssig, aber die Fragen im Interview bezogen sich fast gar nicht darauf. Mich haben die seltsam gestellten Fragen der Tutoren total aus dem Konzept gebracht und mein Kopf war irgendwann einfach nur leer und mir fielen einfache englische Wörter nicht mehr ein, die ich zum Verständnis der Fragen gebraucht hätte. Nach dem Interview war ich mir fast sicher, meine Chance auf einen Platz in Oxford verspielt zu haben. Damit sollte ich Recht behalten – später ergab sich aus meinem Feedback das Philosophieinterview als größter Schwachpunkt meiner Bewerbung.

Trotzdem hatte ich am darauffolgenden Tag noch das dritte Interview in Politik. Dieses Interview hat mir wie das erste großen Spaß gemacht und ich hatte auch das Gefühl, dass es ganz gut gewesen war. In meinem Feedback wurde deutlich, dass das Politikinterview zwar nicht so gut gewesen war wie das Interview in Wirtschaft, aber doch ziemlich gut. Ich denke allerdings, dass nichts den beinahe Totalausfall in Philosophie ausgleichen konnte.

Zu den Interviews insgesamt kann ich sagen, dass man sich keineswegs darüber informieren sollte, welche Gerüchte über diese kursieren. Es gibt die schrägsten Gerüchte und Legenden über Oxford Interviews und es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass diese der Wahrheit entsprechen. Zum Beispiel wird von einem Fall erzählt, bei dem ein Bewerber dazu aufgefordert wurde, die Interviewer zu überraschen – daraufhin setzte er den Tisch in Brand und wurde angenommen. Klingt absurd, nicht?

Auch die seltsamen Fragen, von denen berichtet wird, sollte man nicht zu ernst nehmen. Die Fragen sind in jedem Fall aus dem Kontext gerissen, wenn von ihnen berichtet wird. In den Interviews sollen die Bewerber an ihre intellektuellen Grenzen gebracht werden. Es wird versucht, immer anspruchsvollere Fragen zu stellen, um zu testen, wie weit man gehen kann. Mitbewerber von mir wurden zum Beispiel gefragt, wie man Aliens das Konzept von politisch „rechts“ und „links“ erklären würde. Wenn ihr weitere komisch wirkende Fragen lesen wollt, sucht einfach nach „Oxford Interview weird questions“.

Nach dem letzten Interview war ich mit einigen anderen auch ein paar Mal in der Stadt und wie es sich für Oxfordbewerber gehört waren wir natürlich auch im Museum. Mich beeindruckte es immer wieder, so viele vielseitig interessierte Menschen anzutreffen. Wir haben allerdings auch nicht ganz so akademische Dinge zusammen unternommen, die aber eher irrelevant sind. In jedem Fall hat mir die Stadt auch sehr gut gefallen.

Nach dem Rückflug musste ich fast einen Monat auf die finale Entscheidung warten und wie ich es bereits andeutete, hat es nicht geklappt. Somit gehörte ich zu den 86% der PPE-Bewerber, die keine Zusage erhalten haben. Wenn man sich überlegt, welch geniale Menschen auch abgelehnt wurden, ist dies wohl gewiss kein Grund sich zu schämen, auch wenn ich anfangs am Boden zerstört war. Obwohl ich es erwartet habe, hat mich die Bestätigung meiner Vermutung doch sehr hart getroffen. Die Woche danach in der Schule war ich extrem schlecht gelaunt, was wahrscheinlich allen meinen Mitschülern tierisch auf die Nerven ging, und habe mich durch Kleinigkeiten herunterziehen lassen.

Es war ein Prozess, aber mittlerweile kann ich sagen, ich habe mein Scheitern verarbeitet und bin daran durchaus auch gewachsen. Jeder wird in seinem Leben irgendwann einmal scheitern und es gehört zum Leben dazu, dass nicht alles immer so abläuft, wie man es sich vielleicht erträumt hatte. Das Problem vieler Bewerber in Oxford ist sicherlich, dass es sich um Personen handelt, die in ihrer schulischen Laufbahn keine wirklichen Rückschläge erlebten, denen in diesem Bereich immer alles leicht gefallen ist.

Trotzdem bereue ich die Bewerbung in Oxford nicht. Ich habe viel daraus gelernt, habe drei Tage in einem Oxford College wohnen dürfen und dort einiges erlebt. Falls ihr darüber nachdenkt, euch zu bewerben, macht es ruhig! Ich werde es vielleicht auch nochmal versuchen, da ich weiß, an welchen Schwächen ich arbeiten kann. Natürlich ist die Lage durch das EU Referendum noch einmal komplizierter geworden, aber für die nächste Zeit wird sich ziemlich sicher erst einmal nichts ändern – deshalb nutzt diese „letzte Chance“!

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6 Kommentare zu „Oxford Interview Erfahrungsbericht

  1. Ich bin 17 und vor einer Woche über den Studiengang PPE gestolpert, zum ersten Mal habe ich das Gefühl, genau das gefunden zu haben, was mich interessiert. Wie hoch war dein Score beim TSA? Und glaubst du das diese teuren Bewerbungsberatungen und Coachings hilfreich sind, die überall angeboten werden? Wär toll, wenn du antwortest! 🙂

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    1. Hey 🙂 Genauso ging es mir damals auch! Ich hatte bei meiner ersten Bewerbung (um die es hier ja geht) 64.3 im TSA – beim zweiten Mal hatte ich dann 79.8 und wurde angenommen 🙂 (man braucht aber definitiv nicht 79.8 dafür – mit 79.8 ist man recht sicher drin, wenn man alles andere nicht total in den Sand setzt, aber die meisten, die ich kenne, die ein Offer haben, hatten Scores zwischen 65 und 72) Ich hab nie irgendwelche kostenpflichtigen Sachen in Anspruch genommen, deshalb kann ich dir dazu nicht viel sagen. Ich glaube aber, dass das nicht notwendig ist 🙂 Hoffe, das hilft dir! 🙂

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  2. Hey, wie hast du dich für den TSA vorbereitet? Ich muss den Test auch in 2 Wochen schreiben und weiß nicht genau wie ich mich vorbereiten sollte.

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  3. Hey 🙂
    Du schreibst zum Schluss, dass du dich noch ein zweites Mal bewerben wolltest. Hast du es dann auch gemacht und wie ist es ausgegangen?
    Ich selbst habe erst vor ungefähr einem Monat PPE entdeckt und würde es wirklich gerne studieren. Ich habe aber vor allem auch Angst , die Studiengebühren usw. nicht zahlen zu können, im (unwahrscheinlichen) Fall dass ich angenommen werden würde. :/
    Wo hattest du den TSA eigentlich gemacht und wie hattest du dich darauf vorbereitet? Ich wär dir für eine Antwort echt dankbar 😀
    LG
    Anja

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    1. Hey 🙂 ich hab es tatsächlich gemacht und war erfolgreich! Ich kann deine Sorgen verstehen – leider steht ja noch nicht fest, wie die finanzielle Situation mit den Studiengebühren nach dem Brexit aussehen wird… Aber das wird schon irgendwie! Ich habe den TSA in Düsseldorf gemacht, es gibt meines Wissens nach die Möglichkeit, den TSA auch in München, Berlin, Hamburg oder irgendwo in Schleswig-Holstein machen.
      Ich hab mich vor allem mit den past papers auf der Website vorbereitet, die helfen echt am meisten. Ich hatte glaub ich auch das eine oder andere Buch, aber das wichtigste ist in jedem Fall Übung!
      LG zurück 🙂

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